Erik der Rote von Øystein Morten

Erik der Rote, der Entdecker Amerikas. Was für ein Titel und was für ein Buch. Gehört hat man ja schon viel über diesen, aus einer Entdeckerfamilie stammenden, Wikinger, der über Norwegen nach Island kam und von dort nach Grönland aufbrach, wo er sich Land nahm; dann zurück nach Island ging, um weitere Siedler für das grüne Land zu werben. Schließlich brachen 25 Schiffe in das neue Land auf und 14 von ihnen erreichten ihr Ziel. Eine Erfolgsgeschichte! Sicher, aber eine mit holperigen Beginn. Erik ist wahrscheinlich 14 oder 15 als er und sein Vater von Jaeren, Norwegen nach Island aufbrechen, das Land das von Eriks Großvater Nadd Odd entdeckt wurde. Dort nehmen sie Land im Norden. Später siedelt Erik südlicher, heiratet, gerät in Streit mit den Nachbarn und wird vom Thing das erste Mal für vogelfrei erklärt. Er bringt sich in Sicherheit, gerät abermals in Streit, wird nun in einem anderen Bezirk für vogelfrei erklärt und macht sich auf nach Grönland.

Øystein Morten nun, nimmt sich die 40 Sätze der Saga um Erik des Roten vor und geht ihr nach. Im Februar März 2020 bricht er mit seinem Sohn nach Island auf und besucht die Plätze, an denen Erik gelebt hat. Dann kommt Covid und das Projekt gerät ins Stocken, bis er eine Möglichkeit findet Eriks Spuren virtuell zu verfolgen. Die Recherche zu diesem Buch ist genau so spannend, wie die Geschichte Eriks und seiner Nachkommen, von denen der bekannteste wohl Leif Erikson gewesen sein dürfte, der schließlich Vinland/Amerika entdeckte. Die 40 Sätze in der Saga um Erik sind im Grunde sehr mager und nicht sehr aussagestark, es wird eher schnörkellos festgestellt was Erik wann getan hat, aber Øystein Morten versteht es die 40 Sätze mit Leben zu füllen und nimmt den Leser, die Leserin auf eine interessante Entdeckungsreise in die Vergangenheit mit.

Fazit: Unbedingte Leseempfehlung!

Erik der Rote
Autor: Øystein Morten
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: Kröner
ISBN: 9783520629036
Preis: 30,00 €

Das Haus der Lügen von Trude Teige

Mit Das Haus der Lügen liegt Trude Teige ihren 5. Krimi um die Journalistin Kajsa Coren vor. Wie auch die anderen vier ist es ein Pageturner. Kajsa erhält in der Nacht einen Anruf. Eine alte Freundin, die lange aus ihrem Leben verschwunden war, braucht ihre Hilfe. Anki wurde vergewaltigt. Doch es finden sich keine Spuren in ihrem Haus und auch nicht an ihr. Sie erklärt dies damit, dass der Täter sie nach der Vergewaltigung gezwungen hat zu baden. Die Ermittlungen gehen schleppend voran. Dann wird eine weitere Frau vergewaltigt und noch eine in ihrem Haus ermordet aufgefunden. Karsten Kjølås, der Lebensgefährte von Kajsa, ist der zuständige Ermittler. Als denn noch ein Skelett in der Nordmarka gefunden wird, stellt sich die Frage, ob diese Tote etwas mit der Vergewaltigungsserie zu tun haben könnte.

Trude Teige hat ein Händchen für die besonderen Themen. Sie spricht das an, worüber nicht gerne gesprochen wird, wo die Nachbarn sehen, dass etwas nicht stimmt, aber sich nicht einmischen mögen. Hier geht es um Kindesmissbrauch und dessen Folgen auf das Erwachsenenleben der Opfer. Schön ist, dass die Protagonist:innen in dieser Krimireihe eine Entwicklung durchmachen und nicht zu einer Reihe komischer Manierismen und Anekdoten verkommen.

Kurz gesagt: Das Buch ist so spannend, dass ich es nicht weglegen konnte und es in einem Rutsch durchgelesen habe.

Das Haus der Lügen
Autorin: Trude Teige
Übersetzer:innen: Andreas Brunstermann & Gabriele Haefs
Verlag: Aufbau
ISBN: 9783746640617
Preis: 12,00 €

Herzensbrecher von Anne B. Ragde

Jonetta ist Mitte 50 und steckt fest. Sie hat einen Job, den sie nicht mag, einen Sohn, der das Haus nicht verlassen will und sich auf ihre Kosten schadlos hält. Sie ist es so leid, einen arbeitslosen 25-jährigen, der sie nicht respektiert und ihr Leben bestimmt, mit durchzuschleppen. Selbst in ihrer Hütte kommt sie nicht zur Ruhe. Der ersehnte Urlaub wird zum Alptraum und Jonetta wird aus der Starre geworfen, die sich über sie gelegt hat. Und bei allem die Fragen: Wer ist dieser Mann eigentlich, der ihr den Raum zu Atmen nimmt? Was ist aus dem netten Jungen geworden, der sie doch einmal geliebt hat?

Anne B. Ragde ist eine Meisterin ihres Faches. In kurzen Kapiteln nimmt sie ihre Leser:innen mit in die Gedankwelt Jonettas, lässt sie an ihrer Hilflosigkeit, ihrer Bedürftigkeit und ihren Ängsten teilhaben. Von Kapitel zu Kapitel schwankt man beim Lesen zwischen dem Wunsch Jonetta zu schütteln oder einfach in den Arm zu nehmen. Die Spannung, ob Jonetta es schaffen wird, sich ihr Leben, ihren Raum, zu erobern, baut sich auf und bis zu letzt ist man sich nicht sicher ob sie es schafft.

Fazit: Unbedingte Leseempfehlung, spannend wie ein Krimi

Herzensbrecher
Autorin: Anne B. Ragde
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: btb
ISBN; 978-3-442-77384-8
Preis: 12,00 €

Eine Idee von Mord von Anne Holt

Kaum hat sich Selma Falk von ihrem 2. Fall – Ein notwendiger Tod -, den sie nur knapp überlebt hat, erholt, wird sie angeschossen, während sie mit zwei Freundinnen in einem Straßencafé sitzt. Linda, eine der Freundinnen, eine Parlamentsabgeordnete, wird getötet. Doch da Linda eher unscheinbar war, geht man zuerst davon aus, dass das Attentat Selma Falk galt, die sich ja so einige Feinde im Laufe ihrer Ermittlungen gemacht hat. Selma selbst hält es ebenfalls für möglich. Besonders, da sie einen Stalker hat. Mehrfach hat sie festgestellt, dass sich jemand in ihrer Wohnung aufgehalten und Dinge hinterlassen hat, die mit ihrer Kindheit in Verbindung stehen. Dann geschieht ein weiterer Mord: Eine Richterin wird erhängt aufgefunden und es kann keinesfalls Selbstmmord gewesen sein.

Inzwischen bekommt der Journalist Lars Winther von seiner Chefredakteurin den Auftrag einer Ermittlung nachzugehen, die ein kürzlich verunglückter Kollege begonnen hatte. Lars ist erst nicht sehr interessiert, doch ein dem Ordner beigelegter USB Stick mit verschlüsselten Dateien, reizt ihn denn doch. Selma Falk, mit der er eine Art gegenseitige Hilfe-Übereinkommen hat, soll helfen. Dabei kommen sie Machtmissbrauch, Verschwörungen und Racheplänen auf die Spur.

Anne Holt schafft es immer wieder akutelle politische Themen, mit einer spannenden Story zu verflechten. Auch im dritten Selma Falk Fall ist ihr das gelungen. Auch überraschend, wie Anne Holt es gelingt, nicht unbedingt sympathische Ermittlerinnen zu schaffen. Selma Falk ist oberflächlich betrachtet eine charmante, kluge, mutige Frau, aber sie ist auch opportunistisch, unehrlich und rücksichtslos. Eine ihrer Erkennisse in diesem Buch, frei zitiert:

„Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn die Menschen sich die Mühe machten, mehr zu lügen!“

So richtig zustimmen, kann ich ihr da nicht! Aber das Buch kann ich ehrlich empfehlen.

Eine Idee von Mord
Autorin: Anne Holt
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: Atrium
ISBN: 978-3-85535-125-1
Preis: 23,00 €

Zwölf Wörter von Oskar Maier von Levi Henriksen

Der Sänger, Levi Henriksen, macht einen Zwischenstop in seiner Heimatstadt Kongsvinger. Er will nach Schweden und dort in Ruhe sein neues Album, von dem er meint es wäre sein letztes, zu schreiben. Einen Tag vor der Abreise klingelt das Telefon und eine Frau, dem Klang nach Deutsche, erzählt ihm, dass ihr Vater und seine Mutter einmal ineinander verliebt waren und dass sie gerne das Grab seiner Mutter besuchen würde. Ihr Vater, jener Oskar Maier aus dem Titel, hatte immer wieder behauptet, nur durch sie hätte er Krieg und Gefangenschaft überstanden. Der Sänger zögert, doch letztlich stimmt er zu. Bei dem Treffen erhält er neben einer Rose mit einem seltsamen Namen, einige Briefe, die seine Mutter, Tea, an Oskar geschrieben hat und Fotos aus dieser Zeit. Sie hatten sich vor dem Krieg kennengelernt und wurden durch den Krieg getrennt. Mit dem Lesen der Briefe öffnet sich ein anderer Blick auf die Mutter und bringt so einiges, was er als sicher glaubte, ins Wanken.

Dieses, nicht einmal besonders dicke Buch, vereint soviele Themen in sich. Erste Liebe, der Zufall der eigenen Existenz, die Schrecken des Krieges, wie zuverlässlich sind unsere Erinnerungen, wie mutig wäre man in der Besatzungszeit gewesen? Levi Henriksen weiß, wie kaum ein Zweiter, all diese Themen mit Leichtigkeit zu verbinden.

Unbedingte Leseemfpehlung!

Zwölf Wörter von Oskar Maier
Autor: Levi Henriksen
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Nachdichtung der Liedtexte: Peter Braukmann
Alfred Kröner Verlag
ISBN 978-3-520-62801-5
Preis: 25,00 €

Nur ein wenig Angst von Alexander Kielland Krag

Cornelius ist fast 18, Gymnasiast, beliebt bei seinen Freunden und Freundinnen. Er hat liebevolle Eltern, ist ein guter Fußballspieler und Schüler … und er ist sich bewusst, dass er es schon gut getroffen hat um Leben. Und doch passiert es, er ist auf einer Party und von einem Moment auf den anderen, wird im schelcht, er hat Herzrasen, muss raus … und erkennt, er hat Angst. Von diesem Moment bestimmen Panikattacken sein Leben. Er geht in Therapie, aus Scham als verrückt abgestempelt zu werden, mag er seinen Freunden nicht erzählen, was mit ihm los ist und er wünscht sich nur eines: Das endlich wieder alles ist wie früher.

Alexander Kielland Krag hat für Cornelius Geschichte einen besonderen Stil gewählt, auf manchen Seiten gibt es nur kurze Absätze, manchmal nur einen Satz und gerade diese Form, bringt den Leser, die Leserin, besonders in Kontakt mit C. Geschichte. Ich wünsche diesem Buch viele Leser und Leserinnen. Normalerweise habe ich etwas gegen Triggerwarnungen, die ich in diesem Buch gerechtfertig fand und auch, dass es eine Liste mit Hilfsorganisationen gibt.

Das Buch wurde 2022 mit dem Uprisen ausgezeichnet und war für Kinder- und Jugendbuchpreis des Norwegischen Kulturministeriums nominiert.

Nur ein wenig Angst
Autor: Alexander Kielland Krag
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Arctis Verlag
ISBN:  978-3-0388008-35
Preis: 16,00 €

Die Unwürdigen von Roy Jacobsen

Roy Jacobsen führt uns nach Oslo, zur Zeit der deutschen Besatzung Norwegens. Es ist nicht das Oslo des Wohlstands. Carl, Mona, Olav und die anderen Jugendlichen leben mit ihren Eltern in einer Wohnsiedlung am Rande der Stadt. Keiner ist reich, nicht einmal wohlhabend, und unter dem Regime der Besatzer ist es noch schlimmer, als in Friedenszeiten. Zur Schule gehen Carl und seine Freunde und Freundinnen nur sehr sporadisch, sie sind zu sehr damit beschäftigt mit Diebstahl, Betrug und Schwarzmarktgeschäften ihre Familien zu unterstützen. Und da die Zeiten nun mal schlecht sind, und die Erwachsenen oft genug nicht wissen, wie sie alle satt bekommen sollen, fragen sie auch nicht, woher die Kinder das Geld haben, da sie Muttern so zustecken.

Roy Jacobsen hat mit „Die Unwürdigen“ ein sehr ungewöhnliches Buch über diese Zeit geschrieben. Denn seine Protagonisten sind die Beraubten. Die, denen man ihre Kindheit genommen hat. Ansonsten sind alle da, die Unterdrüker, Ja-Sager, die sich Beuger, die Widerständler und die Denunzianten. Es ist ein sehr besonderes Buch, das ich nur empfehlen kann.

Die Unwürdigen
Autor: Roy Jacobsen
Übersezter:innen: Andreas Brunstermann & Gabriele Haefs
C. H. Beck Verlag
ISBN 978-3-406-80691-9
Preis: 26,00 €

Die Wahrheiten meiner Mutter von Vigdis Hjorth

Das Buch erscheint am 27.09.2023 kann aber vorbestellt werden

Dreißig Jahre ist es her, dass Johanna in ihrer Heimatstadt Oslo war. Damals hat sie, von einem Tag auf dem anderen, ihre Familie und ihre Ehe verlassen und mit Marc in Utah ein neues Leben begonnen. Dort, endlich frei, von den Erwartungen der Eltern, hat sie endlich ihren Traum gelebt und ist Malerin geworden. Zuerst gibt es noch einen losen Kontakt, doch der bricht irgendwann ab.

Nun ist Johanna wieder in Oslo und bereitet eine Ausstellung vor. Was 30 Jahre im Dunkeln lag kommt mit aller Macht zu Tage. Erinnerungen an die Kindheit. Der autoritäre Vater, die jüngere Schwester, bleiben merkwürdig blass neben der ambivalenten Mutter.

Johanna sehnt sich nach Klärung und traut sich schließlich ihre Mutter anzurufen, doch die weist den Anruf zurück. Besessen von den Wunsch nach Klärung beginnt Johanna ihre Mutter zu stalken. Ihre Gedanken drehen sich fast ausschließlich um den Wunsch, die Mutter noch einmal zu sehen, Erinnerungen aus der Kindheit auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Im Grunde geht es darum Antworten auf Fragen wie: Hast du mich eigentlich geliebt? Warum warst du nicht für mich, als ich versuchte, meinen Weg zu finden? Warum hast du nie darüber gesprochen, was dir auf der Seele lastet?, zu finden. Doch Mutter schweigt.

Vigdis Hjorth hat Johannas Geschichte im Bewusstseinsstrom geschrieben. Manchmal folgt der Leser, die Leserin, Johannas Erinnerungen und Gedanken über Seiten hinweg, manchmal stehen gerade zwei Zeilen auf einer Seite und jedes Wort sitzt. Spannender als jeder Krimi!

Die Wahrheiten meiner Mutter
Autorin: Vigdis Hjorth
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397512-3
24,00 €

Benoni von Knut Hamsun

Benoni Hartvigsen ist zu Beginn der Geschichte Postbote und somit ein angesehenes Mitglied der kleinen Gemeinde um den Handelsposten Sirilund. Leider kann er den Mund über eine Begegnung mit einer gewissen Dame nicht halten und wird seines Postens enthoben. Doch er kommt wieder auf die Beine, unter anderem durch den Kaufmann Mack, der über Schiffe, den Laden und den Geldverleih im Ort herrscht und sich gerne einmal von den Hausmädchen den Rücken (und nicht nur den) schrubben lässt. Mack fördert die Beziehung zwischen Benoni und Rosa, seinem Patenkind und die Beiden verloben sich miteinander. Doch während Benoni zu Fischaufkauf auf den Lofoten ist, taucht deren erste Liebe Nicolai auf und der arme Benoni ist der Angeschmierte … fürs erste jedenfalls.

Knut Hamsun hat seine Geschichte in der Nähe von Bergen angesiedelt. Sein Benoni ist ein wenig naiv, aber nicht dumm. Eine gewisse Bauernschläue zeichnet ihn aus. Das zeigt sich besonders dann, wenn Mack ihn irgendwie über den Tisch ziehen will, da kann sich das Angebot noch so gut anhören, doch wenn Benonis Gefühl „nein“ sagt, sagt er nein.

Über die Geschichte Benonis erzählt Hamsun von dem Wunsch in der Gesellschaft aufzusteigen, anerkannt zu werden. Geld ist hier weniger ein Faktor zum Erwerb von Luxusgütern, sondern dazu Ansehen zu verleihen. Der zu sein, der mit Hartvigsen und „Ihr“ gegrüßt wird. Diesen Aufstieg Benonis zum Kompangnon Macks erzählt Hamsun mit Humor und einem ironischen Blick auf das menschliche Miteinander. Wenn es um das Theme Ehe geht, könnte man allerdings zu dem Schluss kommen, dass der Autor diesem Konzept nicht sehr wohlwollend gegenüber stand.

Im Nachwort erzählt die Übersetzerin Gabriele Haefs von Knut Hamsuns umstrittenen Rufes bezüglich seiner Nazisympathien im eigenen Lande. Auch das ist sehr lesenswert, zeigt es doch, dass es zwischen Schwarz und Weiß noch eine Menge Schattierungen gibt.

Benoni
Autor: Knut Hamsun
Übersetzerin: Gabriele Haefs
Nachwort: Gabriele Haefs
Verlag: Kröner
EAN:  9783520626011
Preis: 24,00 €

Die Leute vom Hellemyr von Amalie Skram

Die Leute vom Hellemyr gilt als das Hauptwerk der norwegischen Schriftstellerin Amalie Skram (1846 – 1905). Der Band 1: Sjur Gabriel, wurde 1887 erstmals veröffentlicht. Dieser Band wurde von Christel Hildebrandt übersetzt

Sjur Gabriel, seine Frau Oline und deren zahlreiche Kinderschar leben auf dem Hof Hellemyr, Felsenmoor, bei Bergen, es ist ein karges Leben. Die Familie hält sich mit Landwirtschaft und etwas Fischerei gerade so über Wasser. Während Sjur Gabriel stur und verbissen weitermacht, flüchtet sich Oline immer wieder in den Alkohol, was in der Regel Gewaltausbrüche Sjur Gabriels nach sich zieht. Als das jüngste Kind der beiden stirbt, zerbricht auch Sjur Gabriel. Der erste Band endet mit den Worten:


„Von diesem Tag an tranken beide, der Mann und die Frau vom Hellemyr“

In Band 2 überspringt Amalie Skram eine Generation, auch wenn die Kinder von Oline und Sjur Gabriel kurz vorkommen. Der Protagonist ist der Enkel Sievert Jensen, der, 16-jährig, arg darunter leidet, dass seine Großeltern als Trinker verschrieen sind. Besonders seine besoffen durch die Stadt torkelnde Großmutter, der eine Horde sie verspottender Kinder folgt, macht ihm das Leben in Bergen zu Hölle. Er beschließt, gegen den Willen seiner Eltern, zur See zu gehen und heuert als Moses auf der Zwei Freunde an. Die Reise geht nach Kingston und zurück. Band 2 wurde von Nora Pröfrock übersetzt.

Der erste und der zweite Band lassen sich gut unabhängig von einander lesen. „Zwei Freunde“ ist ein Seefahrtsroman, in dem die Autorin sicher eigene Erlebnisse verarbeitet hat. Sie wurde mit 19 mit einem sehr viel älteren Kapitän verheiratet, der sie mit auf Fahrt nahm. Sievert, der Moses, hat es nicht leicht auf der Zwei Freunde. Als jüngster hat er die Dreckarbeit und den Spott der älteren Mannschaftsmitglieder zu ertragen, doch er beißt sich durch und kommt recht gut zurecht. Leider ist Sievert einer der, sowie er Gutes erreicht hat, dieses durch Lügen und kleine Diebstähle wieder zerstört. Auf der Heimfahrt gerät das Schiff in Seenot, die Mannschaft überlebt knapp und Sievert gibt die Seefahrt auf.

In Band 3: S. G. Myre übersetzt von Christel Hildebrandt, wird Sieverts Geschichte weiter erzählt und wir lernen Petra Frimann, die Tochter des versoffenen Gerichtsboten, sowie die feine Gesellschaft von Bergen kennen. Sievert hat eine Anstellung im Kontor des Kaufmanns Munthe und als Faktotum in dessen Privathaus gefunden, er ist fleißig, seine Arbeit wird geschätzt und er hätte dort ein gutes Auskommen, wenn er sich nicht der Tochter des Hauses, Lydia, Munthe genähert hätte. Lydia kommt nach Hamburg ins Internat und Sievert verliert seine Stellung. Kurz bevor er meint, vor die Hunde zu gehen, findet er eine neue Anstellung bei einem Händler und verliert auch diese wieder, durch seine Mauscheleien. Petra Frimann widerum wird Hauswirtschafterin bei Konsul Smith und dessen gehbehinderter Frau. Petra ist schön und der Konsul ein charmanter Schwerenöter. Er verführt Petra, die sich mit der Zeit einbildet, nach dem Tod der Konsulin, von ihm geheiratet zu werden. Natürlich hat er nichts dergleichen im Sinn, sondern ermutigt Petra Sievert Jensen zu heiraten und erklärt sich bereit dem Paar großzügige Unterstützung bei ihrer Etablierung zuteil werden zu lassen. Sievert, der mittlerweile bei Smith arbeit, ist begeistert, denn er ist verliebt in Petra, die ihn nur widerwillig nimmt. Sievert ändert seinen Nachnamen in Myre, um endlich jede Verbindung zu der verschrienen Familie Jensen vom Hellemyr zu kappen.

Das Nachwort zu diesem Teil stammt von Gunnar Staalesn.

Band 4: Die nächste Generation wurde von Gabriele Haefs übersetzt:

Hier liegt der Fokus auf den Kindern der Familie Myre und Smith. Die Ehe von Petra und Sievert ist alles andere als ein Erfolg. Petra ist verbittert und lässt ihren Frust an den Kindern aus. Besonders Sofie und Serverin, die älteren der Geschwister leiden unter dem Geiz und den Gewaltausbrüchen der Mutter. Severin wiederum ist mit Hendrik dem Sohn Konsuls Smith und seiner zweiten Frau Lydia Munthe, eng befreundet und doch in der Schule ein Außenseiter. Der Musterstängel, der es nicht erwarten kann, auf die Universität zu gehen und dem Elend zu Hause zu entfliehen. Sievert hingegen hat es wiedereinmal geschafft, sein Geschäft durch gewagte Spekulationen zu ruinieren und landet schließlich wegen Betrug im Gefängnis, wo er auch stirbt.

Amalie Skram hat mit den Leuten vom Hellemyr ein Gesellschaftsbild Bergens im 19. Jahrhundert geschaffen. Vieles was sie beschreibt, entstammt eigenem Erleben. Amalie Skrams Vater hatte die Familie, nach dem sein Geschäft bankrott war, verlassen und sich nach Amerika abgesetzt. Amalie wurde mit einem älteren ungeliebten Mann verheiratet, um die Familie zu sanieren, wie es auch im vierten Band Sofie Myre geschieht. Neben der Unüberwindbarkeit der Klassenunterschiede ist immer wieder die Situationen der Frauen, ihre relative Rechtlosigkeit und Unfreiheit, Thema im Werk dieser Autorin. Die Leute von Hellemyr spielt im 19. Jahrhundert und liest sich doch so heutig und aktuell. 1200 Seiten und keine davon zuviel. Im Gegenteil, es wäre schön gewesen, hätte die Autorin es noch geschafft, den angedachten 5. Teil zu schreiben.

Ein großes Lob hier auch an die Übersetzerinnen. Im Orignal verwendet die Autorin viel den Arbeiterdialekt, wie er in Bergen des 19. Jahrhundert gesprochen wurde. Dialekt zu übersetzen ist immer schwer, doch hier ist es brilliant gelungen.

Die Leute vom Hellemyr Band 1 - 4
Autorin: Amalie Skram
Übersetzerinnen: Christel Hildebrandt, Nora Pröfrock und Gabriele Hafs
Nachwort in Band 3: Gunnar Staalesen
Verlag: Guggolz
Preis: 69,00 €